Die Schöne und das Biest, Essen 2018

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serena
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Die Schöne und das Biest, Essen 2018

Beitragvon serena » 28.12.2018, 23:02:05

Die Schöne und das Biest
Colosseum Theater Essen – Freitag, 28.12.2011, 14.30 Uhr

Die Produktion des Budapester Operettentheaters ist wieder auf Deutschlandtournee und dann noch in meiner Nähe. Das heißt für mich nach 3 Jahren Abstinenz von der Tour endlich mal wieder eine gute, in sich stimmige und nicht kitschige Musicalproduktion besuchen. :)

Am Souvenierstand gab es doch glatt mal einige Besetzungslisten zum Mitnehmen (ein Wunder auf der Tour). Und mittlerweile hat man seitens des Veranstalters wohl gelernt. Nun steht doch auf der Liste und auf Flyern sowie Plakaten deutlicher, dass es sich um eine Produktion handelt, die aus Budapest kommt. So wissen dann hoffentlich im Publikum endlich mehr Leute, warum einige Darsteller mit Akzent sprechen. Dem Besucherstrom tat dies schon mal keinen Abbruch. Der Saal war voll. Mich persönlich überraschte es eher, wie wenig Kinder in dieser Nachmittagsvorstellung saßen. Es waren locker 3/4 des Publikums erwachsen...

Die ersten Töne des Orchesters (Juchu, immer noch ein richtiges Orchester!) lassen die Vorfreude größer werden. Und dann folgt die große (und zum Glück einzige) negative Verwunderung des Abends: Da hat die Regie doch glatt an der Produktion gearbeitet.
Ich habe über meine ersten 4 Besuche in den letzten 7 Jahren stets gesagt, dass für die „armen“ Darstellerinnen der Prolog in dem rasanten Tempo nicht leicht zu sprechen ist und daher mit sehr hartem Akzent rüber kam. Bei manch einem Besucher war dies der erste Moment der Erkenntnis, dass da ja ausländische Darsteller agieren. Meine Idee war, den Prolog einfach etwas langsamer darzubieten.
Die jetzige Lösung der Produktion lautet: Der Text wurde vorab eingesprochen und die Darstellerin tut nur so, als ob sie die Geschichte vorliest! Oha! Naja, wenn sie wenigstens tun würde, als ob sie es täte... Aber heute war in Reihe 5 links (sie saß rechts) zu erkennen, dass da kaum ein schauspielerischer Versuch in diese Richtung unternommen wurde. Schade. So nimmt es der Szene glatt noch mehr Zauber als der Akzent der Darstellerinnen vorher.

Überhaupt ist der gesamte Prolog überarbeitet worden. So öffnete sich das Bühnenbild zum Schloss sehr spät, man sah das Biest samt Rose nur sehr kurz und der Junge stieg nur ein paar Stufen hoch, um in Richtung Biest zu schauen, während seine „Mutter“ mit etwas Abstand zurück blieb. Erst beim Wechsel zur ersten Szene im Dorf gingen beide durch die Schlosskulisse ab.
Folglich gab es auch eine Änderung beim Finale. Die Mutter und der Junge stehen nicht mehr mit dem Buch am Bühnenrand, sondern bleiben als Tassilo und Madame Pottine im Spielgeschehen zwischen den anderen Rollen. Die früher dargestellte doppelte Spielebene ist somit weg. Schade.
Zum Glück blieb dies die einzige größere Veränderung, die man meiner Meinung nach gerne nochmal überdenken darf, und der meiste Teil des Musicals lief wie gewohnt stimmig ab. Ok, eine kleine Tonpanne beim ersten Solo des Biests gab es, als 4 Silben lang das Mikro weg war, aber das ist halt Theater live.

Die Besetzung:
Das Biest: Zsolt Hommonay
Mein persönlicher Grund zur Freude, hatte ich ihn doch seit 2013 nicht mehr als Biest gesehen. Ich mag seine Art, das Biest darzustellen. Es ist schon am Anfang nicht rein böse, sondern er zeigt die ganze Zeit über die Gefühlswelt, die hinter dem Fell steckt. Ein Biest, das in seiner abscheulichen Art doch noch verletzlich wirkt, mitfühlen und selbst im Hintergrund noch mit schönen Details an der Rolle teilhaben lässt. Übrigens ist er sogar ohne Mikro von der Mitte der Bühne in Reihe 5 problemlos zu verstehen.

Belle: Nikolett Füredi

Sie habe ich zum ersten Mal in dieser Rolle gesehen. Stimmlich sowie schauspielerisch gefällt sie mir gut. An der Aussprache darf sie noch etwas arbeiten. Besonders in den ersten Szenen gingen einige Worte unter. Im zweiten Akt fand ich sie sprachlich sicherer.

Gaston: Attila Németh

Er bekam nicht ohne Grund den mithin meisten Applaus. Sein Gaston wirkt quasi perfekt. Es ist eine gute Mischung aus Stolz, Selbstverliebtheit, aber auch Berechnung. Besonders hervorzuheben ist seine Mimik. Herrlich! Lediglich in den ersten Szenen wirkte es, als sei die Partitur nicht ganz konform mit seiner Stimme. Er sprang von recht hohen zu kräftigen, tiefen Tönen, wobei die Mitte zu fehlen schien. Im weiteren Verlauf des Stücks wurde der Übergang zwischen beiden Stimmbereichen fließender.

Lefou: László Sánta

Er hat den klar durchgeknallten Dorftrottel zu geben, den er auch gut hinbekommt. Aber irgendwie fand ich ihn diesmal zu überdreht. Vielleicht lag es daran, dass seine Stürze, wenn er wieder mal einen Schlag auf den Kopf bekommt, doch sehr absichtlich hingefallen aussahen!? Sprachlich und gesanglich gibt es nichts auszusetzen.

Lumiére: András J. Karsai
Ein für mich neues Gesicht im Team. Ihn hatte ich bisher noch nie gesehen. Optisch passt er sehr gut in die Rolle, stimmlich auch. Sprachlich gehörte er zu den besten Darstellern. Er sprach nicht nur sehr klar verständlich Deutsch, er konnte auch super den französischen Akzent einbauen. Sein Spiel mit den anderen, besonders mit von Unruh, war herrlich.

Herr von Unruh: Ottó Magócs
Der nächste Darsteller, der schöne Eigenarten in der Rolle findet und auch sprachlich top ist. Sein Scheitern als Hausvorstand wirkt so überzeugend, dass man sowohl über ihn lachen als auch mit ihm mitfühlen kann.

Madame Pottine: Zsófia Kisfaludy
Sie hat eine schöne warme Sprechstimme, die gut das mütterliche der Rolle rüber bringt, ohne zu „gluckenhaft“ zu wirken. Ihr Gesang klingt etwas tiefer, aber auch schön warm. In dieser Rolle gefällt sie mir stimmlich fast besser als als Belle. Schauspielerisch kann sie beides gut.

Tassilo: Marcell Meyer

Da ist aber jemand in den letzten Jahren gewachsen. Er wirkt inzwischen recht groß in der Rolle. Spielen kann er den Tassilo immer noch gut, aber leider sind weiterhin er und Deutsch keine guten Freunde. Besonders das Wort „Schrank“ fiel ihm (immer noch) schwer. Sein Spiel und seine Tanzeinlagen waren gut. Und am Ende bekam er auch einiges an Applaus.

Madame de la Grande Bouche: Ildikó Sz. Nagy

Sie hat nur wenige Szenen, um Eindruck zu hinterlassen, aber die nutzt sie effektiv. Ich frage mich immer noch, wie sie es schafft, so lange unbeweglich als „Kulisse“ dazustehen, bis sie sich zum ersten Mal bewegen darf. Und eine Stimme hat die Frau! Als „Königin der Nacht“ wäre sie bestimmt auch gut zu besetzen.

Babette: Dóra Szabó

Ihr Rollenportrait fand ich diesmal ruhiger, nicht mehr so hibbelig, und etwas weniger wie ein kleines Mädchen, dafür mehr wie eine junge Dame, die ihre Reize einzusetzen weiß. So wirkt ihr Zusammenspiel mit Lumiére auf jeden Fall logischer und die gesamte Rolle in sich schlüssiger.

Maurice: Attila Bardóczy
Sein Maurice ist warmherzig, etwas kauzig und ein offener, ehrlicher Typ, der leider auch bei den „Falschen“ zu ehrlich ist. Lustig ist (immer noch) seine Strubbelfrisur, weniger lustig seine Aussprache. Er hat mithin die meisten Schwierigkeiten, sich mit dem deutschen Text anzufreunden, wobei er nicht schlecht ist. Aber da viele Kollegen nun sehr gut sprechen, fällt er doch etwas auf.

D´Arque: Tibor Oláh
Bei ihm ist es genau das Gegenteil: seit meinem ersten Besuch mit ihm auf der Bühne, ist seine Aussprache sehr gut geworden. Sein Spiel lässt vermuten, dass man als Irrenhaus-Leiter entweder selber etwas irr sein muss, oder dass die Insassen der Anstalt „abfärben“.

Die 20 Musiker spielen schön differenziert vorne im Orchestergraben. Manchmal konnte man eine Hand des Dirigenten sehen. Leider ist der Ton vorne im Theater recht „einseitig“, was erstmal gewöhnungsbedürftig ist. Weiter hinten und ggf. mittiger dürfte der Klang besser sein.

Fazit:
Die Produktion ist immer noch toll und vermag es, das Publikum fast 3 Stunden lang zu fesseln und verzaubern. Es gibt herrliche Details in Optik und Schauspiel, die begeistern. Über den neu gestalteten Prolog lässt sich streiten. Ich hätte gerne die alte Doppeldeutigkeit zurück. Aber alles andere lässt mich auf einen weiteren Tourstopp in meiner Nähe in den nächsten Jahren hoffen. Ich wäre wieder dabei!

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