Dracula Detmold

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Ophelia
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Dracula Detmold

Beitragvon Ophelia » 27.06.2018, 18:47:51

Dracula im Landestheater Detmold
09.06.18, 19:30


Jonathan Harker: Julian Culeman
Graf Dracula: Lucius Wolter
Mina Murray: Angelina Biermann
Renfield: Nicholas Shannon
Dr. Seward: Andreas Post
Lucy Westenraa: Katrin Merkl
Arthur Holmwood: Olli Rasanen
Van Helsing: Udo Eickelmann
Vampire Girls: Jeanne Seguin, Simone Krampe, Nathalie Parsa

Schon im Vorfeld hatte ich in einer Kritik über ein sehr minimalistisches Bühnenbild gelesen, das aber als recht positiv dargestellt wurde. Auf den Fotos wirkte es allerdings nicht so karg wie es tatsächlich ist: die Handlungsorte werden durch Leinwandprojektionen an der hinteren Bühnenwand veranschaulicht, so sehen wir beispielsweise ein aufragendes Schloss für die Grafenresidenz oder mehrere düstere Grabsteine für Szenen auf dem Friedhof. Oft wird die Leinwand auch einfach in ein bestimmtes, farbiges Licht getaucht, oft waren das helle Rosé- oder Blautöne, aber auch tiefes Rot etc. Szenenwechsel geschehen durch breite Vorhänge, die quer über die Bühne laufen und hinter welchen dann schnell das nötigste Requisit gestellt wird. Mit mehr wird hier nämlich wirklich nicht gearbeitet: die meisten Bühnenelemente fanden sich zu Anfang in der Schlossszene, in der Jonathan sich rasiert: ein Tisch, ein Stuhl, ein Kleiderständer, kleinere Requisiten wie Kleidung und ein Bild. Ansonsten kommt zumeist eine Chaiselongue zum Einsatz, die dann wahlweise Bett, Sofa oder anderweitige Sitzgelegenheit ist. Renfield sitzt in einem großen Käfig.
Diese Inszenierung von Lars Helmer verlegt die Handlung in die 1930er Jahre, was sich aber hauptsächlich auf die Kostüme niederschlägt, die wirklich sehr schön und authentisch wirken. Einzig Lucys Outfit, sie wirkt wie ein stilechtes 30er-Jahre-Mannequin, fand ich etwas unpassend, denn es war entgegen ihrem Charakter so aufgedonnert und selbstbewusst. Ab und zu wird auch der jeweilige Handlungsort mit Stummfilm-Tafeln angezeigt. Das verliert sich aber im Laufe der Handlung fast vollständig.
Da die Bühne in Detmold ziemlich klein ist, ist das minimalistische Bühnenbild eigentlich ganz praktisch, ich fand es aber doch etwas zu karg. Pforzheim hatte ja auch nur das nötigste, aber was dann verwendet wurde, war irgendwie stimmungsvoller, z.B. das große Spinnennetz oder die Arbeit mit den Vorhängen. Im Allgemeinen empfand ich die Detmolder Inszenierung als sehr knallig und bunt im Vergleich zu anderen, durch die aufregenden Kostüme, die intensiven Lichtfarben und die z.T. sonnengelben, wandernden Vorhänge.
Einige Dinge schienen mir auch unausgegoren, die oben erwähnten Schrifttafeln werden irgendwann einfach nicht mehr eingesetzt, obwohl sie in den ersten Szenen noch das gewisse Etwas ausmachten und ein nostalgisches Flair zauberten; dann hatte kein Vampir außer Lucy spitze Eckzähne. An einigen Stellen wurden zwei Kinderdarsteller eingeführt, ein Junge, der für die drei Vampirinnen bestimmt ist, ein Mädchen, das Lucy in die Gruft entführt; beide tauchen auch noch zwei Mal auf: in Wie wählt man aus tanzen sie miteinander und bei der Hochzeit sind sie Blumenkinder. Bei den beiden letzteren Auftritten hatte ich den Eindruck, dass sie bloß um des Niedlichkeits-Faktors eingesetzt wurden. Durch diese Dinge wirkte alles nicht ganz rund.
Darstellerisch gibt es aber kaum etwas zu bemängeln; es wird trotzdem nicht meine lieblings-Dracula-Cast. Lucius Wolter war mir irgendwie zu schön als Dracula mit seiner goldenen Weste und dem lässigen Haar, aber stimmlich toll, wenn auch nicht ganz mein Geschmack. Angelina Biermanns Stimme ist in den Höhen immer abgeschmiert, sie wurde dann ganz dünn, was etwas schade war. Die Dracula-Mina-Beziehung gefiel mir auch nicht besonders, sie war weniger intensiv als in anderen Inszenierungen; ihre Mimik sagte schon ganz zu Anfang, wie sehr sie auf Dracula steht, sodass alles andere wie ein böses Spiel mit Lucy und Jonathan wirkte und ein plötzlicher Umschwung in Reue und Verzweiflung ziemlich verwirrend war. Es fehlte das langsame Verlieren des Selbst, das in Lass mich dich nicht lieben besungen wird.
Sehr stark war dann aber das Ende: Mina kniet mit dem Gesicht zum Publikum über dem toten Dracula, und Jonathan nähert sich ihnen mit entschlossenem Gesichtsausdruck, Hammer und Pfahl in der Hand. Mit diesem Bild senkt sich der Vorhang; es sah für mich so aus, als würde Jonathan seinen Eid erfüllen und Mina ebenfalls töten; vielleicht wollte er auch nur Dracula sicherhaltshalber noch einmal erschlagen, das ist wahrscheinlich Interpretationssache. Trotzdem ein sehr eindrucksvolles Bild, das irgendwie erschüttert.
Mit wenigen Worten würde ich diese Inszenierung als bunt und unausgeglichen, aber auch unterhaltsam beschreiben. Allgemein hat es mir gut gefallen. Nur fehlte mir einfach der letzte Kniff, mehr Unentschlossenheit von Mina und ein etwas stimmungsvolleres Bühnenbild, das einen noch ein bisschen mehr schaudern lässt.
Was ich rette, geht zu Grund
Was ich segne muss verderben
Nur mein Gift macht dich gesund
um zu leben musst du sterben

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