Mich trägt mein Traum

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armandine
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 11.03.2018, 17:24:44

Ein schöner Teil! Da geht es ja jetzt wirklich hopp hopp bei den beiden. Ich kann schon verstehen, dass du die Geschichte abschließen willst. Trotzdem möchte ich jetzt noch wissen, ob es ein Sohn oder eine Tochter wird ;-). Außerdem würde ich mich sehr freuen, wenn du eine andere Geschichte schreibst; ich mag deinen Schreibstil sehr gerne!

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Ophelia
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Ophelia » 12.03.2018, 18:20:17

Alle letzten Fragen werden hier beantwortet. Ich danke euch sehr, dass ihr immer so fleißig mitgelesen und kommentiert habt!

London, Mitte August
Liam

„Ich hab einfach keinen Bock mehr! Es ist heiß, ich schwitze, ich bin fett!
Die Tür im Obergeschoss schlug mit einem Knall zu, der sogar noch im unteren Wohnzimmer zu spüren war, und in seiner Vorstellung zerbarst die Tür in tausend Splitter. Er warf einen prüfenden Blick nach oben, aber natürlich war alles unversehrt. Liam ließ sich zurück auf das Sofa fallen und versuchte, sich so wenig wie möglich zu bewegen. Ein Monat noch, sagte er sich im Stillen, ein Monat, komm schon, das dauert nicht mehr lange… Aber warum ist es nicht schon so weit? Er schloss die Augen und unterdrückte ein Stöhnen, das sie definitiv sogar aus der Entfernung des Schlafzimmers gehört hätte. Bestimmt wartete sie nur darauf, dass er mit irgendeiner unbedachten Geste, einem unbedachten Wort ihre Selbstvorwürfe bestätigte.
In den letzten Monaten war Anouks Bauch stetig gewachsen. Manchmal hatte er das Gefühl, dass sie am Morgen dicker war als am vorigen Abend, wenn er sich schlafen legte, während sie sich inzwischen nur noch gequält von einer Seite auf die andere rollte. Denn im Moment wurde London von einer nicht enden wollenden Hitzewelle heimgesucht, und die milden Nächte konnten die Hitze der langen Tage nicht wirklich mindern, die sich im Haus festsetzte. Seitdem verbrachte Anouk die Tage in finsterem Schweigen, nur durchbrochen von lautem Seufzen oder leisen Flüchen – er hatte sich anfangs glücklich geschätzt, von hormonbedingten Stimmungsschwankungen verschont zu bleiben. Dass sie sich fast ausschließlich von Ananas ernährte, hatte er schweigend hingenommen – es gab Ananasstücke zum Frühstück, dazu Ananasmarmelade, Ananassaft, nachmittags Ananastorte, am Abend löffelte sie Joghurt mit Ananasgeschmack. Ihm selbst wurde inzwischen allein vom Geruch schlecht. Bald vorbei, wiederholte er in Gedanken. Wenn die Hitze erst einmal vorüber ist, geht es ihr besser… Er versuchte sich vorzustellen, wie es sich anfühlen musste, einen zweiten Körper und weitere angefutterte Fettreserven mit sich herumzutragen, bei dieser Hitze. Er konnte es sich kaum ausmalen – selbst im Sitzen war ihm warm. Probeweise griff er nach einem Kissen und legte es sich auf den Bauch, dann ein zweites, und dann wickelte er die dicke Wolldecke um das Gebilde, deren bloßer Anblick einem schon die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Himmel, was das warm!
„Was machst du da?“
Er fuhr zusammen. „Äh, nichts…“ Hastig rollte er die Decken und Kissen zur Seite und sprang auf. „Und, äh, alles okay?“
Anouk sah ihn an, und er duckte sich innerlich – es war ihm im Moment unmöglich zu sagen, wie er ihre Blicke deuten sollte. Ihre Stimmung änderte sich so schnell, dass er meistens noch die vorangegangene Situation auf Fehler seinerseits analysierte, wenn sie schon wieder die Arme um ihn schlang und er sich fragte, was er diesmal richtig gemacht hatte und wie er weiter daran arbeiten konnte, damit sie bloß in dieser Stimmung blieb.
„Weiß nicht.“ Sie ließ sich schwer auf das Sofa fallen. „Es ist heiß“, sagte sie. „Ich schwitze. Ich bin fett.“
„Du bist schwanger.“
„Ich habe unglaublich zugenommen.“
„Klar, aber das ist doch nur für das Baby. Und außerdem kannst du das nach der Geburt alles abtrainieren. Wenn du willst, können wir so einen Fitnesstrainer buchen, der-“ Er hielt inne, als ihre Unterlippe zitterte. Oh, bitte nicht.
„Du willst also, dass ich abnehme, ja? Du findest mich also auch fett!“ Tränen rollten über ihre Wangen.
Um Himmels Willen.
„Willst du etwas trinken?“, fragte er verzweifelt. „Ananassaft?“
„Bloß nicht! Denk an den ganzen Zucker darin!“, rief sie ihm nach, als er in die Küche flüchtete. „Ich nehme ein Wasser, ein normales Wasser, aber ohne Kohlensäure!“
„…denn davon muss ich rülpsen“, beendete er flüsternd diesen schon oft gehörten Satz. Hätte ihm nicht mal jemand sagen können, dass dieses Baby ein Monster in seiner Frau freisetzte?
„Hier, guck mal, mit Strohhalm, in Rosa, passend zum Baby“, sagte er und betete, dass er damit nicht irgendeine in ihr schwelende Gender-Debatte auslöste, aber es blieb still. Über den Glasrand warf sie ihm finstere Blicke zu.
„Bah, das schmeckt wirklich furchtbar“, sagte sie, und Liam, der nur auf der Sofakante zu sitzen gewagt hatte, sprang eilig wieder auf.
„Soll ich…?“
„Nein, nein, schon gut.“ Sie stand umständlich auf. „Ich mach das schon.“ Er sah ihr nach, wie sie in der Küche verschwand; als sie wiederkam, stand er immer noch in Habachtposition. Sie blieb stehen und lächelte mitleidig. „Ach, Liam, ich muss schrecklich sein.“
„Ja, manchmal.“ Vorsicht, du Narr!
„Tut mir leid.“
Bitte, wein nicht wieder, bitte, bitte…
„Hey, hast du nicht Lust, etwas raus zu gehen? Du musst dich hier zu Tode langweilen mit mir.“
„Öhm, klar, wenn du möchtest.“
„Ja, sehr gerne.“
„Okay.“ Artig wartete er, bis sie in ihre Schuhe geschlüpft war, und hielt ihr die Türe auf, während sie in die Hitze trat. „Puh, meine Güte!“
„Willst du lieber hier bleiben?“ Willst du nicht einfach schlafen?
„Nein, nein, lass uns nur gehen.“
„Na gut.“ Er schloss die Türe und ging neben ihr her. Während sie langsam die Straße hinunter bummelten, hakte sie sich bei ihm unter.
„Kannst du glauben, dass es nur noch einen knappen Monat dauern soll?“, fragte sie.
„Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht!“, bestätigte er. „Hast du Angst?“
„Hm, nein, nicht wirklich. Vielleicht ein bisschen vor den Schmerzen. Aber ehrlich gesagt“, sie klopfte nachlässig auf ihren Bauch, „bin ich mehr als froh, wenn sie endlich draußen ist. Ich fühle mich wirklich erledigt. Wenn ich gewusst hätte, dass es hier so heiß wird…“ Sie ließ den Satz unbeendet.
Nach der Hochzeit hatten sie sich schnell entschieden, wieder nach London zurückzukehren, sobald sein Vertrag auslief. Da die meisten Gäste sich an den Kosten der Feier beteiligt hatten, hatten sie viel Geld gespart und erlaubten es sich beide, einmal nichts zu tun. Anfangs hatte Anouk noch einige Seminare gegeben, aber mit Fortschreiten der Schwangerschaft hatte sich auch das erledigt. Nachdem auch das Kinderzimmer eingerichtet war, hatte sie sich der absoluten Untätigkeit hingegeben, und Liam, der nicht ohne sie durch seine Heimatstadt streifen wollte, verbarg seine Langeweile so gut es ging und gab sich mit den wenigen Gelegenheiten, an denen sie gemeinsam ausgingen oder Freunde einluden, zufrieden. Umso mehr genoss er ihren kleinen Spaziergang. Sie ließen die Einkaufsstraße hinter sich und zogen ein wenig umher, bis sie an einem kleinen Restaurant Rast machten. Die langen Schatten der Häuser, zwischen denen es lag, waren eine Wohltat, und Anouk schien ihre Komplexe vergessen zu haben und willigte in ein gemeinsames Abendessen ein. Sie war so gut gelaunt wie lange nicht mehr, und Liam spürte, dass er sich langsam entspannte.

London, Mitte September
Anouk

Ich starrte auf die Uhr, was mich beruhigte. Dass der kleine Zeiger immer weiter tickte bewies mir, dass die Zeit vorüber ging, tatsächlich vorüber ging, dass Liam jeden Augenblick kommen würde, es könnte jede Sekunde so weit sein. Er musste die Nachricht gelesen haben, er schaltete sein Handy jetzt nie aus, ich wusste, dass sein erster Blick nach den Vorstellungen auf das Display wanderte… „Ha!“, entfuhr es mir, ein lauter, keuchender Ton, den ich nicht unterdrücken konnte. Meine Mutter, die seit einer Woche bei uns war und bisher ruhig neben mir gesessen hatte, griff nach meiner Hand. „Liebling, lass uns los, ich schreibe Liam…“
„Nein!“, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen, „ich warte hier… er kommt gleich…“ Ich umklammerte meinen dicken Bauch, in dem seit einer Stunde ein Schmerz kontinuierlich zunahm. Nur die Ruhe, dachte ich, zu mir oder dem Baby – ich wusste es nicht.
„Na gut“, gab meine Mutter auf, „die Wehen sind ohnehin noch zu unregelmäßig.“
Im selben Moment klapperte die Türe, und noch ehe sie ins Schloss fiel, stolperte Liam schon herein. Erst, als sein Blick auf uns fiel, wie wir scheinbar gemütlich auf dem Sofa saßen, entspannte sein Gesichtsausdruck sich.
„Falscher Alarm?“
„Nein, diesmal nicht“, erwiderte meine Mutter und half mir auf. In den letzten Wochen waren wir schon zwei Mal unnötigerweise im Krankenhaus vorstellig geworden.
„Okay“, sagte Liam und griff nach der Tasche, die schon seit einer Weile fertig gepackt in der Zimmerecke stand. „Dann lasst uns los.“ Er sah aus, als sei ihm schlecht; aus der Nähe erkannte ich, dass er sich nicht abgeschminkt hatte: Reste von Puder, durchzogen von feinen Schweißlinien, marmorierten seine Haut, und um seine Augen lagen dunkle, aufgemalte Schatten.
Wir verließen das Haus, ich auf meine Mutter gestützt, die meine Tasche hielt, während Liam die Türe verschloss. Hinter den meisten Fenstern brannte noch Licht, irgendwo sah ich das bläuliche Zucken eines Fernsehers. Das Ehepaar uns gegenüber wohnend rauchte auf der Terrasse eine letzte Zigarette; als sie sahen, dass wir aufbrachen, beugte der Mann sich vor.
„Ist es wohl heute so weit?“, rief er zu uns herunter. Die beiden hatten unsere vergeblichen Aufbrüche begeistert verfolgt.
„Ja“, rief ich zurück, „heute ganz bestimmt.“
„Dann viel Glück!“
Liam griff nach meinem anderen Arm. „Danke!“, antwortete er, und wie eine Gefangene wurde ich rechts und links zum Auto eskortiert.
Die Fahrt verlief ruhig, nicht so rasend wie im Film; Liams Blick war auf die Straße geheftet, ich biss die Zähne zusammen und meine Mutter massierte mir die Schultern, und so erreichten wir das Krankenhaus ohne große Umstände. Als wir durch den Eingang traten, brach ich in Schweiß aus, weil sich eine plötzliche Angst meiner bemächtigte, Angst vor der Geburt, Angst, irgendetwas könnte schief gehen, Angst, plötzlich mein kleines Mädchen in den Armen zu halten, ein echtes Baby, das in mir, meinem eigenen Körper herangewachsen war und nun nach draußen drängte.
Liam kam von der Anmeldung zurück, im Begleitung einer Schwester, die uns zu unserem Zimmer brachte.
„Alles in Ordnung?“, fragte er leise, und ich lächelte ihm zu. „Ja“, antwortete ich, „alles ist gut.“

Am frühen Morgen wurde in London ein Kind geboren, eines von vielen, und es war ein gesundes Mädchen mit erstaunlich dichtem, dunklem Haar. Mutter und Vater, beide erschöpft, sie mit Tränen in den Augen, er mit hellen Puderrändern an der Schläfe, lächelten auf die kleine Livia hinab, während draußen langsam der Morgen heranzog und mit seinem leuchtend orange-roten Horizont einen sonnigen, klaren Tag versprach.
Was ich rette, geht zu Grund
Was ich segne muss verderben
Nur mein Gift macht dich gesund
um zu leben musst du sterben

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armandine
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon armandine » 14.03.2018, 17:30:32

Hihihi - die Schwangerschaft :clap: :clap: :clap:
Danke für den schönen Abschluss - wünschen wir Anouk und Liam und der kleinen Livia das Allerbeste, und ich würde mich freuen, sie in einer anderen Geschichte einmal wiederzutreffen. Aber Hauptsache, du schreibst überhaupt bald eine neue! Danke nochmal!

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Gaefa
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Re: Mich trägt mein Traum

Beitragvon Gaefa » 20.03.2018, 22:43:47

Ein sehr schöner Abschluss!
Der vorletzte Teil war auch toll - bin irgendwie nicht zum Kommentieren gekommen. Beim letzten Teil hast du nach meinem Geschmack zu sehr alle Vorurteile bedient, aber das kann ja auch durchaus so laufen. Livia - ein schöner Name für die Kleine. Ich würde mich auch freuen, den dreien mal wieder zu begegnen in einer neuen Geschichte, auf die ich sehr gespannt bin.
Abschließend bleibt für mich aber doch eine Frage offen: Was macht Liam jetzt beruflich? Er scheint ein neues Engagement in London gefunden zu haben, was spielt er denn? Danach sind aber glaube ich wirklich alle Fragen beantwortet :)
~*Niemand nimmt mir meine Träume und schließt meine Sehnsucht ein, wo es Liebe gab und Freiheit wird mein Herz für immer sein*~


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