Ein Wort.

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KrolocksErbe
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Ein Wort.

Beitragvon KrolocksErbe » 12.07.2009, 00:37:34

ich poste das jetzt hier, ihr könnt gerne kommentare hinterlassen, würde mich freuen. es ist ein oneshot und ich schreib allgemein wirklich sehr wenig (bis fast nie). vllt gefällts aber dem ein oder anderen...

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Ein Wort.

Nur ein Wort hätte es gekostet. Nur ein einziges Wort, dann wäre er geblieben. Aber wie so oft blieb die Stimme weg, wie so oft erstickte ein Laut und wurde nur im Gedanken ausformuliert. Warum? Das wusste auch sie nicht.

Jetzt stand sie am Fenster. Die beiden Flügeltüren waren weit geöffnet und der kalte Wind aus der betrübten Nacht blies ihr ins Gesicht. Ab und zu konnte sie einen einzelnen Stern wahrnehmen, der aber schnell wieder von einer dicken Wolke bedeckt wurde.
Es war kalt, aber es störte sie nicht. Unter ihr lag eine dichte Schneeschicht. Bei Sonnenschein schimmerte diese und es hatte den Anschein, als würden sich die Eiskristalle vermehren. Es war wunderschön anzusehen.

Wieder schoss es ihr durch den Kopf. Nur ein Wort. Warum war das denn so schwierig? Durchlebte sie keine schöne Zeit mit ihm? Gab er ihr nicht das, was sie wollte? Bekam sie durch ihn nicht das Gefühl, etwas Besseres zu sein, ein Teil von dieser riesigen Welt zu sein? Immer wenn er bei ihr war, hatte sie Kraft, Kraft einen Weg zu gehen, den sie allein nicht bestreiten konnte.
Wie wohlklingend seine letzten Worte in ihrem Ohr widerhallten. Wie süß der Duft seines Parfüms noch in der Luft lag. Er hatte ihr ein Probefläschchen besorgt, damit sie sich immer wieder an seinem Duft erfreuen konnte. Es stand auf ihrer Kommode, gleich neben seinem Foto. Das Foto, das sie geschossen hatte, eine Erinnerung an einen schönen Abend. Er lächelte darauf und immer wenn sie es ansah, musste sie auch lächeln. Der Glasrahmen brachte das Bild richtig zur Geltung. Nur fehlte schon eine kleine Ecke, sie ist abgebrochen, als der Rahmen einmal zu Boden fiel. Trotzdem wollte sie ihn nicht austauschen, er gehörte zum Foto dazu.

Ein Pfeifen riss sie aus ihren Gedanken. Der Wind heulte und schlug gegen sämtliche Türen und Fenster. Von einem nahe liegenden Baum flog etwas Schnee, der sich dort angesammelt hatte.
Sie umklammerte fest mit jedem einzelnen Finger das Gitter vor ihrem Fenster und lehnte sich nach vorne. Ihre langen schwarzen Haare, die wegen des Windes schon ganz durcheinander waren fielen jetzt ebenfalls nach vorne. Sie begann zu zittern und krallte sich immer fester in die Eisenstäbe. Ihre Atmung begann sich zu beschleunigen und sie hatte kaum noch Boden unter den Füßen. Sie sah in den Schnee. Für einen Augenblick hielt sie inne und betrachtete den Schnee genau. War das eine Illusion? Bildete sie sich nur etwas ein? Sie dachte für einen Moment ihn gesehen zu haben. Wie er im Schnee stand und ihr zuzwinkerte. Erschrocken wich sie zurück und fiel rückwärts auf den weichen Teppich, der in ihrem Zimmer auslag.
Sie atmete schwer und versuchte wieder zu Verstand zu kommen. Er war nicht echt. Er war nicht hier. Und niemals würde er wiederkommen. Das wusste sie.

Einige Momente blickte sie nur ins Leere, bis ihr schließlich eine stumme Träne über die Wange lief. Warum? Es hätte doch nur ein Wort gebraucht, eine Silbe und alles wäre gut gewesen. Doch es gab Dinge, die wollte er nicht wissen. Dinge, die nicht in sein Leben gepasst hätten. Dinge, von denen sie jede Nacht sprach. Irgendwann wollte er nicht mehr zuhören, war es satt immer das gleiche gesagt zu bekommen. Also drehte er sich weg, drehte ihr den Rücken zu und verschwand ohne ein weiteres Wort.
Hatte sie das verdient?
Sie nahm all ihre Kraft zusammen und stand wieder auf. Sie wischte nur einmal mit der Hand über ihr mittlerweile tränenüberströmtes Gesicht und ging zurück zum Fenster.
All das würde ein Ende haben, all das Elend, was sie am eigenen Leib zu spüren bekam, all die Angst vor einem Leben im Käfig. All das wäre einfach vorbei.

Wieder umgriff sie das Metall, holte tief Luft, schloss die Augen und lehnte sich erneut über die Eisenbefestigung am Fenster. Es fehlte nicht viel, dann würde sie den Kummer und den Schmerz vergessen können. Sie schluchzte.
Ein Wort. Dieses Wort half jetzt auch nicht mehr, aber sie würde den Gedanken an ihn für immer in ihrem Herzen tragen, für immer dort einschließen und versiegeln. Vielleicht tat er es auch, aber das würde sie nie erfahren…


Sie fiel. Doch noch bevor sie fiel, flüsterte sie es in die Nacht: „Bleib.“

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Re: Ein Wort.

Beitragvon Sisi Silberträne » 15.07.2009, 20:11:21

Och, das ist traurig :( Aber schön berührend geschrieben.
Der letzte Satz hat eindeutig was, sehr wirkungsvoll.
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Re: Ein Wort.

Beitragvon Kitti » 15.07.2009, 20:17:01

Ich kenne die Geschichte ja schon, aber das hält mich natürlich nicht davon ab, dir hier auch einen Kommentar zu hinterlassen. Wie Babsi schon sagte, es ist sehr traurig und düster, aber mir gefällt es! Die Idee mit dem kaputten Bilderrahmen und die folgende Rückblende finde ich besonders toll. :)
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Re: Ein Wort.

Beitragvon Elphaba » 16.07.2009, 02:32:30

Ich kann mich nur anschließen!

Wirklich unheimlich dunkel und traurig :( . Aber auch wunderschön geschrieben! :)

Diese Symbolik ist wirklich einducksvoll!
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