Die Schöne und das Biest, Hannover 30.7.14

Wie gefiel euch eine Vorstellung und was würdet ihr kritisieren?

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serena
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Die Schöne und das Biest, Hannover 30.7.14

Beitragvon serena » 31.07.2014, 23:26:07

Die Schöne und das Biest
Opernhaus Hannover – Mittwoch, 30.07.2014, 19.30 Uhr

Wenn die Produktion des Budapester Operettentheaters wieder auf Deutschlandtournee ist und ich dann noch in der Nähe bin ist es Zeit für einen Zwischenstopp. Dank der ersten Vorstellung am Spielort kam ich diesmal in den Genuss, alle Erstbesetzungen zu sehen. Dadurch sah ich endlich mal einige Darsteller, die ich bisher verpasst hatte. Zudem gibt es einige neue Tourmitglieder und Neuvergaben der Erstbesetzung, weswegen eine für mich schöne Mischung aus bekannten und neuen Besetzungen spielte.

Nach der üblichen Begrüßungs- und „Bilder,Videos und Handys“-Ansage geschieht erstmal nichts. Es folgt die erste Verwunderung im Publikum und noch mehr bei den Monitor-kundigen Besuchern, weil der Dirigent nicht zu sehen ist. Nach wenigen Minuten öffnet sich der Vorhang und der Dirigent samt Orchester stehen auf der Bühne. Nach der Verbeugung geht der Vorhang wieder zu und wenige Momente später geht es auch schon los. Bis zum Schlussapplaus bleibt das Orchester dann im Verborgenen.

Vor der Bühne sind 4 weitere Stuhlreihen aufgestellt, die sog. Tribüne. Somit sitzen die Besucher der Reihe 1 mit den fest eingebauten Sitzen bereits in Reihe 5, und das mit schon deutlichem Abstand zur Bühne. Wer nahe am Geschehen sitzen möchte, dem seien die Tribünenreihen empfohlen.

Zum Design und zur Regie habe ich bereits in den vorherigen Berichten geschrieben. Da sich an dem eingespielten, stimmigen Konzept nichts geändert hat, verzichte ich auf eine Wiederholung. Wer mag, kann in meinem Bericht vom Dezember 2013 alles nachlesen.
Mittlerweile scheint es Absicht zu sein, dass man der Verwandlung des Biests in den Prinzen deutlich zusehen kann. 2011 wurde durch die Lichttechnik mittels Blenden der genaue Wechsel verdeckt. Bereits in Essen und auch nun in Hannover blitzte es direkt nach dem Kuss, danach sieht man dem Biest zu, wie er das Fellkostüm und nach einer Weile auch die Maske abwirft. Ich persönlich bevorzuge immer noch die verdeckte Version, da sie einfach mehr magisches und märchenhaftes an sich hat. Immerhin wird noch das Einklinken der Leinen am Biest durch das Bühnenbild verdeckt.

Die Besetzung:
Das Biest: Sándor Barkóczi
Ein neues Mitglied im Ensemble (und neue Erstbesetzung), bei dem ich mich am Anfang fragte, ob er wirklich Ungar sei, so akzentfrei sprach er. Ok, im Laufe der Vorstellung kamen doch mal Wörter mit Akzent vor, aber das passierte schon sehr selten. Hut ab vor der Aussprache! Stimmlich ein schön kräftiges Biest, schauspielerisch wirkt er wenig animalistisch, eher wie ein schlecht erzogener Rüpel. Seine recht aufrechte Körperhaltung unterstützt diesen Eindruck. Für die Szene nach dem Kampf würde ich mir aber weniger aufrechtes Sitzen wünschen, denn er sah so immer noch recht agil aus. Auch änderte er im Sterben kaum die Haltung, weswegen sein letzter Seufzer das deutlichste in dem Moment war. Falls er sich dabei nach vorne neigte (ich bin mir nicht sicher), war es nicht klar genug zu erkennen. Aber sowas kann sich ja im Laufe der Spielzeit noch entwickeln.

Belle: Kitti Jenes
Noch eine neue Erstbesetzung, aber nicht neu im Team. Eine sehr schöne Belle, die alle Facetten der Rolle schön klar und glaubhaft darstellt. Sie wirkt anfangs jung, spontan und phantasievoll, aber trotzdem die Realität begreifend. Im Laufe des Stücks entwickelt sie sich zu einer jungen Frau, die weiß, was sie will. Stimmlich auch schön passend für die Rolle mit ihrer klaren hellen Stimme. Gefällt mir.

Gaston: Attila Németh
Schauspielerisch einfach genial, was er aus der Rolle macht! Seine Mimik besticht durch herrliche Details. Die Selbstverliebtheit nimmt man ihm locker ab. Und dabei schafft er es, in der Rolle nicht dumm zu wirken, sondern einfach zu selbstsicher und ohne Verständnis für andere Sichtweisen. Mit seiner kräftigen Figur passt er auch optisch wunderbar in die Rolle. Seine Stimme ist auch schön kräftig, hat aber klanglich eine Besonderheit: Sie klingt, wenn er tief und kräftig singt, als ob er einen Bereich dazwischen auslässt und durch die Oktaven springt. Aber nach den ersten Malen (so oft kommt es auch nicht vor), lässt sich´s hinnehmen. Ansonsten unterstützt seine Stimme herrlich sein Schauspiel und passt super zur Mimik. Super!

Lefou: László Sánta
Im Zusammenspiel mit Attila als Gaston wirkt er überdrehter und alberner als bei meinem letzten Besuch. Das Rollenportrait wirkt immer noch stimmig und stellt in Kombination mit Gaston immer noch eine schöne Version dar. Diesmal wirkte er aber mehr wie der „dumme August“, der für so einige Lacher sorgte.

Lumiére: Ádám Bálint
Man könnte glauben, er habe sein Leben lang Deutsch mit französischem Akzent gesprochen, so klar bringt er seinen Text rüber, und zwar ohne dass etwas aufgesagt wirkt. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass er seine Flammen öfter anzündete, als seine Kollegen vorher. Aber vielleicht setzte er dies einfach nur besser in Szene!? Auch er überzeugt schauspielerisch mit vielen Nuancen in der Mimik.

Herr von Unruh: Tamás Földes
Und wieder versucht er, den Fels in der Brandung zu spielen, obwohl er die meiste Panik vor dem „Herrn“ hat. Dieser ständige Wechsel zwischen robustem Hausvorstand und angespanntem Wesen, das keiner erst nimmt, gelingt ihm weiterhin wunderbar. Erst nachdem der Zauber gelöst ist, kann er zur Ruhe finden und der Gentleman der „alten Schule“ sein.

Madame Pottine: Lilla Polyák

Beim anfänglichen Vorlesen der Einleitung dachte ich erst, sie sei seit meiner letzten Vorstellung noch schneller in der Aussprache geworden. Manche Sätze kamen ja wie „aus der Pistole geschossen“, und dabei fiel ihr recht harter Akzent am meisten auf. Schauspielerisch ist sie eine schön liebevolle und warmherzige Mutter, die sich gut in Belle einfühlen kann.

Tassilo: Tamás Kiss
Ein ruhiger, gut erzogener und munterer Tassilo, der in der Choreografie sicherer zu werden scheint. Jedenfalls wirkte er bei seinen Solo-Tanzschritten in „Sei hier Gast“ nicht mehr so vorsichtig und zurückhaltend. Ohne Choreografie wirkte er aber weiterhin agiler in seinem Spiel.

Madame de la Grande Bouche: Ildikó Sz. Nagy

Die grande Dame des Hauses, die weibliche Vertretung der „alten Schule“ und somit die Ergänzung zu von Unruh, wirkt aber weder überheblich noch aufgesetzt. Eher verzweifelt sie an ihrer Situation und flüchtet in Erinnerungen an glorreiche Zeiten.

Babette: Edit Vörös

Sie hat eine Ruhe in der Rolle und kann weibliche Reize bei Lumiére gezielt einsetzen, ohne anbiedernd zu wirken. Ihre Babette wirkt nicht extrem jung, sondern wie eine Frau mit Erfahrung, die weiß, was sie will. In Acht nehmen muss sich Lumiére öfters, da sie jeden seiner Flirts bemerkt und entsprechend kontert.

Maurice: Attila Bardóczy
Er spielt einen warmherzigen Maurice, der gegenüber seiner Tochter sehr liebevoll und besorgt ist und an den anderen Dorfbewohnern eher verzweifelt. Er wirkt auch nicht generell dumm, sondern eher wie intelligent mit zeitweisen Denkaussetzern, und pendelt so an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn. Im Laufe des Stücks wirkt er älter und zerbrechlicher, so dass er mit Belle am Ende die Positionen tauscht.

D´Arque: Ottó Magócs

Sein Irrenhaus-Chef ist eine Mischung aus vornehmem Verhalten und irrer Optik, wobei seine Klientel auf ihn im Verhalten doch ein bisschen abgefärbt haben. Manchmal schimmert doch ein bisschen Wahn durch, zum Beispiel, wenn es um´s Geld geht.

Insgesamt gibt das Ensemble eine sehr harmonische Leistung zum Besten, die mit detailliertem Schauspiel überzeugt. Den Rest an ungarischem Akzenten kann man getrost akzeptieren und überhören. Mit dem ebenfalls sehr stimmigen Design ergibt sich so eine Vorstellung, die die gesamte Zeit über fasziniert und immer wieder neue Details entdecken lässt.

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